Entspricht die derzeitige Seegesundheitserklärung noch der Entwicklung in der Schifffahrt?

Die Seegesundheitserklärung war ursprünglich für Handelsschiffe beim ersten Anlauf in einem deutschen Hafen gedacht. Sie findet genauso Anwendung für Kreuzfahrtschiffe, ist für hohe Aufkommen an Menschen jedoch nicht aussagefähig genug. Sollte eine Seegesundheitserklärung speziell für Kreuzfahrschiffe modifiziert werden?

Auf einem Kreuzfahrtschiff reisen je nach Kapazität zwischen 60 und 6400 Passagiere und Crewmitglieder. Hier sind Angaben zu Erkrankungsfällen vielseitig und von der Priorität hinsichtlich der Infektionsgefährdung an Bord unterschiedlich zu bewerten. Für jede Seegesundheitserklärung wäre es fachlich empfehlenswert, Anlagen zu entwickeln, die ohne großen Aufwand elektronisch auszufüllen und an die Hafenärztlichen Dienste zu übermitteln sind. Die Angaben sollten für alle Kreuzfahrtschiffe einheitlich und standardisiert sein.

Wichtig für eine Seegesundheitserklärung sind die Regionen, die befahren werden. Eine Kreuzfahrt in Europa weist weniger infektiöse Risiken auf, als Fahrten nach Asien oder Afrika. Kreuzfahrten im Ostseeraum sind wiederum anders zu bewerten als Kreuzfahrten im Mittelmeerraum oder Pazifik. Manche Schiffe legen täglich in verschiedenen Häfen an, andere Schiffe befinden sich bis zu 6 Tage ohne Hafenstopp auf See. Bei Repositioning-Routen über den Atlantik oder andere Regionen werden zusätzlich noch Häfen angelaufen, die das Schiff im normalen Rundreiseverlauf nicht anlaufen würde.

Entscheidend für Infektionserkrankungen sind die Region und die Jahreszeit einer Kreuzfahrt. Bei einer Kreuzfahrt in der Grippesaison können aufsteigende Passagiere aus endemischen Gebieten zu einer Häufung von Influenza an Bord führen. Die internationale Zusammensetzung von Crew und Passagieren spielt ebenfalls eine Rolle. Reisen Passagiere mit dem Flugzeug zum Kreuzfahrtschiff, bekommen auch Infektionen mit kurzer Inkubationszeit aus der Heimatregion der Passagiere eine Bedeutung. Durch den Flugverkehr können sich für die Zielregion untypische Infektionen schneller verbreiten und auf ein Kreuzfahrtschiff eingetragen werden. Selbst bei beispielhafter allgemeiner Hygiene sowie streng kontrollierter Küchenhygiene (HACCP-Konzept) kann nicht verhindert werden, dass sich Passagiere bestimmten Infektionsrisiken auf Landausflügen aussetzen. Nicht jede Infektion an Bord hat auch ihre Infektionsquelle an Bord.

Seit dem 1. Juni 2015 müssen Schiffsanläufe in europäische Häfen elektronisch gemeldet werden. In nationaler Umsetzung der Richtlinie 2010/ 65/ EU erfolgt auch die Abgabe der Gesundheitsmeldung in elektronischer Form. Dies erfolgt über das National Single Window. Bei Anfahrt eines Hafens in einem neuen Staat muss eine Seegesundheitserklärung vom Schiff 24 Stunden vor dem Einlaufen übermittelt werden und bei Bedarf innerhalb der 24 Stunden aktualisiert werden. Die Meldung enthält gesundheitsrelevante Informationen bezüglich der Schiffsreise sowie der an Bord befindlichen Passagiere und Crew. Die Informationen erfolgen auf der Grundlage des Artikels 37 der Internationalen Gesundheitsvorschriften von 2005. Werden eine oder mehrere Fragen der Seegesundheitserklärung mit „Ja“ beantwortet, ist die Gesundheitsmeldung mit entsprechenden Angaben im Anhang zu ergänzen und an Bord vorzuhalten. Erfolgt die Meldung 24 Stunden vor Anfahrt, bleibt dem Hafenärztlichen Dienst ausreichend Zeit, den Bordbesuch vorzubereiten. Diese Meldung hat nur Sinn, wenn das Schiff zwischen zwei Häfen einen Tag auf See ist. Im Ostseeraum beträgt bei Passagierwechseln die Zeit zwischen dem beendeten Aufstieg in dem Ausgangshafen und dem Einlauf im Zielhafen manchmal weniger als 10 Stunden.

Die Abfertigung der Kreuzfahrtschiffe im Zielhafen sollte zügig erfolgen, da ein hohes wirtschaftliches Interesse von Seiten der Tourismusbranche (geplante Tagesfahrten und Ausflüge mit Terminen für gebuchte Veranstaltungen) besteht. Die Behörden haben angemessen zu agieren. Die Erteilung des Freigabescheines Free Pratique kann nur reibungslos erfolgen, wenn dem Hafenärztlichen Dienst ausreichende Informationen darüber vorliegen, dass keine ansteckenden Krankheiten eingeschleppt bzw. verbreitet werden können.

Bei der Beantwortung der Fragen der Seegesundheitserklärung gibt es keine standardisierte Vorgehensweise. Es gibt Schiffe, die die Angabe zu aktuell erkrankten Personen an Bord sehr weit fassen. Es werden sogar noch Erkrankungen gemeldet, welche schon längere Zeit zurückliegen. Für den Arzt des Hafenärztlichen Dienstes sind Angaben zur Inkubationszeit wichtig. Nur Erkrankungen, die in einem zeitlichen und räumlichen Zusammenhang stehen, können ein Hinweis auf den Beginn bzw. Verlauf eines eventuellen Ausbruchs sein.

Am zahlreichsten sind Häufungen von Infektionen des Magen-Darm-Traktes. Um diese bewerten zu können, ist die Übermittlung eines Gastrointestinal Illnes Reports hilfreich. Hierbei sind die Hafenärztlichen Dienste auf die Kooperation der Schiffsärzte an Bord von Kreuzfahrtschiffen angewiesen. Aus Datenschutzgründen übermittelt leider nicht jedes Schiff diesen Bericht. Es besteht auch keine Verpflichtung seitens einer Reederei. Im Gastrointestinal Illness Report findet der Hafenärztliche Dienst ausführliche Informationen zum Vorstellungsdatum, Erkrankungsdatum, Alter und Geschlecht sowie zur Zuordnung des Patienten zu Crewmitgliedern oder zur Passagiergruppe mit der entsprechenden Kabinenangabe. Bei Crewmitgliedern wird der Tätigkeitsbereich angegeben. Symptome wie Durchfall, Blut im Stuhl, Übelkeit und Erbrechen, Fieber, Bauchkrämpfe, Myalgien und Grunderkrankungen werden aufgeführt. Außerdem gibt es Auskunft zu entnommenen Stuhlproben, eventuell verabreichten Medikamenten, ambulanten Wiedervorstellungen bzw. Isolationsmaßnahmen.

Für die Influenzasaison wäre eine Meldung der aufgetretenen behandlungsbedürftigen akuten respiratorischen Infektionen (ARI Statistical Calculation) mit Fieber günstig. Es gibt keine einheitliche internationale Regelung, ab welcher Anzahl von Erkrankungen der Hafenärztliche Dienst agieren muss. Diese Angabe sollte prozentual definiert werden. Wenige Erkrankungen auf einem Schiff mit ca. 5000 Personen an Bord sind kein Hinweis auf einen Ausbruch. Es können Einzelerkrankungen ohne einen unmittelbaren Zusammenhang sein. Bei erkranktem Personal ist die Angabe zur Tätigkeit auf dem Schiff notwendig. Erkranktes Personal mit einem direkten Kontakt zu Passagieren oder aus dem Küchenbereich stellt eventuell ein allgemeines Infektionsrisiko dar.

Es gibt Kreuzfahrtunternehmen, die an Bord ein Ampelsystem (rot, orange, gelb, grün) installiert haben. Ab einer bestimmten Anzahl von erfassten Erkrankungen werden Maßnahmen ergriffen, um eine Ausbreitung der Erkrankungen zu unterbinden. Bei einzelnen Kreuzfahrtschiffen wird bei über 1,1 % der Erkrankungsfälle agiert. Spezialteams werden für Reinigung und Desinfektion eingesetzt. Dies erfolgt unabhängig von den Anordnungen der Hafenärztlichen Dienste. Erkrankungsraten unter 0,5 % gelten als unauffällig.

Es wäre förderlich, wenn alle Kreuzfahrtschiffe verpflichtend solch eine Gefährdungsbeurteilung durchführen würden. Der momentan in der Seegesundheitserklärung zur Verfügung stehende Anhang ist nicht ausreichend, um alle notwendigen Informationen für den Hafenarzt bereit zu stellen. Schiffsärzte arbeiten teilweise mit handschriftlichen Anmerkungen auf der Seegesundheitserklärung. Der notwendige Bordbesuch für die Erteilung der Free Pratique könnte zügiger vorbereitet und durch entsprechende Rückfragen während der Anfahrt zeitlich verkürzt werden. Um den Verwaltungsaufwand an Bord zu minimieren, sollten alle Berichte elektronisch erstellbar und übermittelbar sein. Zwischen den Kreuzfahrtschiffen und den Hafenärztlichen Diensten ist ein direkter Kontakt zu optimieren. Das setzt voraus, dass sowohl auf der Seite der Hafenärztlichen Dienste sowie auf Seiten der Kreuzfahrtschiffe die technischen Voraussetzungen geschaffen und international standardisiert werden.

https://www.kiel.de/leben/gesundheit/hafenaerztlicher_dienst/information_ships_doctors/MaritimeDeclarationofHealth.pdf